FLIEGENPILZ

Der Fliegenpilz spielte als Droge eigentlich nur im religiös-mystischen Rahmen eine Rolle. Bei den sibirischen Stämmen wird er auch heute noch als Rauschmittel benutzt. Dazu werden die Pilze zumeist im Sommer gesammelt und roh gegessen oder zuvor einige Tage in Wasser eingelegt und der Sud getrunken. Ein bis vier mittelgroße Pilze lösen Dösigkeit, Schwindel und Euphorie sowie ein Gefühl der Schwerelosigkeit aus, zu der auch farbige Visionen kommen können. Eine Verdoppelung der Dosis führt zu deutlichen Vergiftungserscheinungen wie Verwirrtheit, muskulären Zuckungen und lebhaften Trugbildern. Eine Dosis von mehr als zehn Pilzen kann tödlich sein. Es gibt aber bis heute keinen genau dokumentierten Fall, bei dem Fliegenpilze allein den Tod verursacht hätten.
Die Mythologie der Tschuktschen und Kamtschadalen Ostsibiriens stellt die Pilze mit den halluzinogenen Substanzen als allmächtige Zwerge dar. Kaum anzunehmen ist, daß die Leute, die ihren Rasen am Haus mit Gartenzwergen und Fliegenpilzen zieren, diesen Drogen-Hintergrund ihrer Plastik-Lieblinge auch nur erahnen.
Über lange Zeit haben Religionswissenschaftler und Botaniker auch zu ergründen versucht, aus welcher Pflanze der Rauschtrank Soma gebraut wurde. Er wird in vedischen Texten der frühen indischen Kultur erwähnt und galt als unerläßlich für jedes Opfer, weil sich daran sowohl die Opfernden wie auch die Götter berauschten.
Neuere Forschungen, insbesondere von Gordon Wasson, der auch die halluzinogene Wirkung mexikanischer Pilze untersuchte, legen den Schluß nahe, daß es sich bei Soma um nichts anderes als den Fliegenpilz handelt. Die Arier müssen das Gewächs vor mehr als 3.500 Jahren in das Indus-Tal gebracht haben.
Für die Giftigkeit des Pilzes und seine Fähigkeit, die Gemütslage der Menschen zu beeinflussen, wurde lange Zeit das Alkaloid Muskarin verantwortlich gemacht.
Untersuchungen an der Universität Zürich haben jedoch gezeigt, daß dieser Stoff von der Darmwand kaum aufgenommen wird. Außerdem reichen die Mengen im Fliegenpilz nicht aus, um halluzinogen zu wirken. Vier andere chemische Substanzen, nämlich Ibotensäure, Muscimol, Muscazon sowie in Spuren Bufotenin, sind wahrscheinlich eher dafür verantwortlich. Doch genaugenommen scheint es sich um einen noch völlig unbekannten Wirkstoff zu handeln.
Der englische Mathematiker Lewis Carroll hat in seinem Märchen "Alice im Wunderland" den Pilzrausch literarisch verarbeitet. Die psychischen Mechanismen des Wachsens und Schrumpfens erklärt die Raupe der Alice mit den Worten: "Von der einen Seife wirst du kleiner und von der anderen größer." Sie beschrieb damit das Gefühl, das der Genuß des Pilzes auslöst.
Auf sprachwissenschaftlicher Fährte finden sich Hinweise auf die Nutzung des Fliegenpilzes als Rauschdroge im europäischen Raum. So gelten sowohl in England wie auch in Deutschland Fliegen als Symbol des Wahnsinns. Eine populäre Bezeichnung in den euroasiatischen Gebieten für den Fliegenpilz lautet auch Narrenschwamm.