Der Alte vom Berge

Ist von Haschisch die Rede, dann wird auch unweigerlich die gruselige Geschichte der Assassinen (arab. Haschischgenießer) aufgetischt, die von ihren Gegnern auch mit dem Schimpfwort Hashishüyyin oder Haschischfresser bedacht wurden. Marco Polo berichtete Schauergeschichten über den "Alten vom Berge", das jeweilige Oberhaupt der Assassinen. Er soll im 12. Jahrhundert mutige Jünglinge mit Haschisch betäubt und sie in ein künstliches Paradies mit anmutigen Gärten, prächtigen Gebäuden und wunderschönen jungen Mädchen in den persischen Bergen verschleppt haben. In dieses (angeblich echte) Paradies der Muslims sollten die jungen Männer zurückkehren dürfen, wenn sie bereit waren, politische Morde zu begehen.
Tatsächlich handelte es sich bei den Assassinen um einen Geheimbund der Ismailiten, der Gegner mit anderen religiösen Überzeugungen durch sogenannte "Todesengel" umbringen ließ. Ihr Gründer Hasan y Sabah eroberte mit 300 Getreuen im Jahr 1090 die Festung Alamut im Nordiran. Zwei Jahre später besaßen die Assassinen bereits 53 Burgen zwischen Täbris und Damaskus. Im selben Jahr starben durch Anschläge nicht nur der Großwesir und der Sultan. Mindestens 120 höchste Würdenträger wurden durch Assassinen-Dolche in den ewigen Ruhestand befördert.
Als Staat im Staate waren die Assassinen rund 160 Jahre lang wegen ihrer politisch und religiös motivierten Attentate auf Prominente der damaligen Welt nicht nur in der islamischen Welt gefürchtet. Die Vorstellung, daß Haschisch und Gewalt zusammengehören, ergab sich bei ihren Feinden, weil als "Hostien der Assassinen" mit Haschisch versetzte kleine Kuchen galten, die übrigens heute noch im Orient als "weiße Plätzchen" gebacken werden. Den "Todesengeln" war allerdings der Genuß des Krautes vor einer Terror-Aktion strikt verboten, mit der Begründung, daß "Haschisch sanft mache und das Herz zu Zärtlichkeiten neige, so daß der Dolch nicht mehr treffe".
Aber auch in der Neuzeit war Haschisch mit dem Schleier des Geheimnisvollen und Verbotenen umgeben: In Frankreich wurde Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein Club der Haschischins gegründet. Die Mitglieder, unter anderem die Künstler Charles Baudelaire, Theophile Gautier, Gerard de Nerval und Arthur Rimbaud, schilderten den Rausch in glühenden Farben.
Trotzdem blieb der Gebrauch in Frankreich im vergangenen Jahrhundert auf kleine, elitäre Zirkel beschränkt, obwohl die Droge in jeder Apotheke leicht erhältlich war.