Gangster und Abstinenzler
Der Alkohol tröstet über Probleme hinweg und wird selber zum größten Problem. Alkoholiker zeigen gegenüber ihren Mitmenschen selten viel Ehrlichkeit. Sie versprechen viel und halten wenig. Der Umgang mit ihnen ist schwierig. Wird einem Alkoholiker sein übermäßiger Konsum vorgehalten, trinkt er erst recht. Auch nützt es wenig, ihm nur die Flasche wegzunehmen.
Solange sich seine emotionale und soziale Situation nicht ändert, tritt mit großer Sicherheit ein Rückfall ein.
Bei der weltweiten Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker geht man davon aus, daß im Grunde jeder Süchtige erst buchstäblich "mit der Nase im Dreck liegen muß", weil dann die Möglichkeit besteht, daß sein Selbsterhaltungstrieb ihm bei der Bewältigung seiner Krankheit hilft. Denn eine gewisse emotionale Unreife und die Neigung, Probleme auszusitzen statt zu lösen, findet sich beim Alkoholiker wie auch bei allen anderen Rauschmittelsüchtigen.
Schon vor fast 200 Jahren hat man die verheerenden sozialen Folgen des Alkoholismus erkannt und versucht, sie zu bekämpfen. Bereits 1809 hat sich die erste Temperenz-Vereinigung in den USA in Saratoga gegründet.
Aber erst die 1826 in Boston gegründete American Temperence Society hatte mit dem Slogan "Mäßiges Trinken ist der kürzeste Weg zur Trunksucht" Erfolg.
Die Abstinenzbewegung breitete sich auf andere Länder aus und hatte insbesondere in Irland große Erfolge, wo der Whisky-Verbrauch von 56 Millionen Litern im Jahre 1839 auf 25 Millionen Liter im Jahre 1844 sank.
Absolute Alkoholverbote, 1917 in den USA und 1919 in Finnland erlassen, erwiesen sich als wenig sinnvoll in der Bekämpfung der Alkoholsucht. Große Gangs bildeten sich heraus und organisierten einen umfangreichen Schmuggel. Nach Ansicht führender Kriminologen wurde in der Zeit der Prohibition in den USA der Grundstein für das organisierte Verbrechen gelegt. Zudem stieg in den Ländern die Zahl der Alkoholtoten, weil sehr oft Methylalkohol-Gemische ausgeschenkt wurden. Als 1933 das Verbot in den USA aufgehoben wurde, sank die Zahl der Alkoholtoten in New York von 794 im Jahre 1931 auf 509 im Jahre 1935.
Als der Kampf gegen den Alkoholismus begann, empfahl sogar die Kirche Äther als Ersatzstoff. In Philadelphia wurden um 1830 große Ätherparties veranstaltet. In Irland schenkten die Wirte statt Whisky Äther aus. Nach Markttagen zündeten die irischen Bauern ihre Pfeifen in den Eisenbahnabteilen aus Angst vor Ätherexplosionen nicht an. Ende des 19. Jahrhunderts griff das Äthertrinken auch auf Deutschland über. So wurden in der Stadt Memel im Jahre 1897 8.580 Liter des Narkotikums verkauft. Sobald Äther in Apotheken nicht mehr ohne Kontrolle ausgegeben wurde, ging der Ätherkonsum zurück. Einige wichen dann jedoch auf Hoffmanns-Tropfen aus. Diese Mischung von drei Teilen Äther und einem Teil Alkohol sollte ursprünglich Ohnmächtige wiederbeleben.
Anders als das Totalverbot des Alkohols erwies sich die Verteuerung durch entsprechend hohe Alkoholsteuern als erfolgreicher Weg, dem wachsenden Alkoholismus Herr zu werden. So sank nach Einführung der Alkoholsteuer in Schweden der Alkoholkonsum um die Hälfte und ging in Dänemark sogar auf ein Viertel zurück.
Heute liegen die Erfolgsaussichten einer Therapie von Alkoholkranken bei über 50 Prozent. Damit ist die Alkoholsucht bedeutend besser zu behandeln als beispielsweise die Heroinsucht, bei der die Heilungschance bei 10 bis 25 Prozent liegt.