Maß und Wirkung
Während die Wirkung des Alkohols also seit Jahrtausenden bekannt ist, sind die Wirkungsmechanismen erst in der Neuzeit erforscht worden. Bei wohl keiner anderen Rauschdroge liegen soviel Forschungsberichte vor wie beim Alkohol.
Der berauschende Stoff in Bier und Wein ist nur ein Mitglied einer großen chemischen Familie, in der zwei Kohlenstoffatome mit fünf Wasserstoffatomen und einer Hydroxylgruppe gebunden sind. Dazu gehört der heutige Trinkalkohol, der Äthylalkohol oder auch kurz das Äthanol. Sein engster Verwandter, der Methylalkohol oder Methanol, wird ebenfalls - und oft mit fatalen Folgen - getrunken. Methanol ist nämlich bedeutend giftiger. Obwohl beide Drogen als Nervengifte gelten, verträgt der menschliche Körper wesentlich mehr Äthanol (300 g und mehr), während 50 Gramm Methanol schon tödlich wirken können. Wenn Alkohol im Körper verbrannt wird, entsteht wie bei der Verwertung von anderen Nahrungsmitteln Energie. Bei starken Alkoholikern tritt oftmals ein Vitaminmangelzustand auf, weil sie einen Großteil ihrer Energie über den Alkohol aufnehmen, der keine Vitamine enthält, aber bei seiner Verbrennung selbige verbraucht.
Alkohole beeinflussen beim Menschen vorwiegend das Nervensystem, und das weniger bei den autonomen als bei den höheren Funktionen, die Bewußtsein und Gefühle steuern. Die psychologische Wirkung des Alkohols liegt zum Großteil in seiner enthemmenden Wirkung. Die erlernten sozialen Kontrollmechanismen, die Sigmund Freud in der Psychoanalytik Über-Ich genannt hat, die zumeist unbewußt das Triebverhalten des Menschen steuern, werden zurückgedrängt. Allerdings kann es kaum zu einer völligen Enthemmung kommen, denn mit steigendem Alkoholgehalt im Blut steigt auch seine narkotisierende Wirkung. Der Berauschte wird müde und schließlich betäubt.
Die vielfach subjektiv empfundene Leistungssteigerung hält klinischen Untersuchungen nicht stand. Sie beruht vielmehr auf einer herabgesetzten Selbstkritikfähigkeit. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, daß schon geringe Mengen Alkohol die Reaktions- und Koordinationsfähigkeit herabsetzen. In Verbindung mit der verminderten Fähigkeit zur Selbstkritik hat dies besonders im Straßenverkehr verherende Folgen. Es ist zwar ohne weiteres möglich, daß ein routinierter Autofahrer sein Fahrzeug trotz alkoholbedingter Einschränkung der Reaktionsfähigkeit sicherer durch den Straßenverkehr lenkt als ein Führerscheinanfänger.
Aber ihm fällt nicht mehr auf, daß er schlechter fährt als sonst. Er empfindet im Gegenteil subjektiv eine Leistungssteigerung, was wiederum zu einer riskanteren Fahrweise führt.
Der Alkohol steigert wie auch fast alle anderen Rauschmittel die Beeinflußbarkeit. Erwartet man nach dem Alkoholgenuß eine beruhigende Wirkung, wird sie eintreten. Genauso kommt eine gelöste Stimmung auf, wenn man sich das vom Alkoholtrinken erhofft. Bei erhöhtem Alkoholgenuß jedoch - hier sind die Grenzen individuell sehr unterschiedlich - können die Stimmungen nicht mehr gesteuert werden. Deshalb können Betrunkene von einer Minute auf die andere in Tränen ausbrechen, um wenige Minuten später wieder fröhlich und ausgelassen zu sein.