Rauschmittel - so alt wie die Menschheit

Sogar einige Tierarten, so fanden Forscher heraus, sind einem angenehmen Rausch nicht abgeneigt. Der Ethnologe Viktor Reko beobachtete in Mexiko eine Herde von Rindern, die nach dem Genuß von Chachquila-Pflanzen in einen Erregungszustand verfiel. Die Tiere mußten von den Pflanzen gewaltsam ferngehalten werden, damit sie nicht in wilder Hatz und über alle Hindernisse hinweg dorthin rasten, wo die Chachquilas wuchsen. Auch Elefanten sagt man nach, daß sie besonders gern in Gärung übergegangene Früchte fressen, wobei die Folgen sehenswert sein sollen, wenn nämlich die grauen Kolosse leicht zu schwanken beginnen.
In der Regel geht man allerdings davon aus, daß Tiere keinen Rausch kennen und auch gar nicht absichtlich versuchen, ihn zu bekommen. Die Ethnologen glauben, daß der Grund darin liegt, daß Drogen auf Tiere ganz anders wirken als auf Menschen. Das tierische Verhalten ist in der Regel instinktiv, also vom Stammhirn her kontrolliert, während die erlernten Kontrollmechanismen des Menschen von der Hirnrinde aus gesteuert werden.
Diese Mechanismen sind das Ergebnis von sozialen Prozessen. So spielen die Rauschmittel auch immer eine die Menschen verbindende, enthemmende Rolle, wie der Alkohol zum Beispiel beim Karneval oder bei Schützenfesten. Negativ wirken sie bei dem Drogensüchtigen, der alle sozialen Hemmungen verliert, nur um seine Sucht zu stillen.

Im Gegensatz zum Tier, kennt der Mensch auch religiöse Abstraktionen: Er kann aus seiner alltäglichen Erfahrung heraustreten. Die Intelligenz, die der Mensch im Lauf der Evolution gewonnen hat, hat es ihm ermöglicht, sich aus seiner Umwelt zu lösen. Er kann sich seiner Vergangenheit erinnern und seine Zukunft vorwegnehmen. Gordon R. Wasson, der die psychotropen Pilze in Mexiko erforschte, nimmt an, daß die Gottesidee des Menschen seiner wachsenden Intelligenz folgte. Weiter vermutet er, daß unsere Vorfahren auf der Suche nach Nahrung auch auf die psychotropen Pilze und andere Pflanzen mit den gleichen Eigenschaften stießen und auf diese Weise "das Wunder der Ehrfurcht im Angesicht Gottes" zunächst zufällig kennenlernten.
Das Bewußtsein des Menschen geht eng mit dem Besitz der Sprache einher, die er vielleicht - so vermutet man - dem Zwang verdankt, Großwildjagden zu organisieren, wobei die Gruppen, die sich besser verständigen konnten, auch besser und einfacher überlebten. Dieses Bewußtsein des Menschen hat sich aber schon früh in den archaischen Kulturen als zweischneidig erwiesen.
Es ermöglichte ihm zwar die Eroberung der Umwelt und die Herstellung von Werkzeugen, aber machte auch quälenden Ängsten Platz, die der Mensch nur deshalb hat, weil er seine Vergangenheit kennt und sich vor der Zukunft fürchtet.
Aus diesen Ängsten ist wohl bei den archaischen Religionen die Tendenz entstanden, seelische Ausnahmezustände wie Trance und Ekstase zu suchen, um den überirdischen Mächten nahe zu sein, die den Menschen Schutz versprachen. Das Wort Trance leitet sich vom lateinischen transitus, dem Übergang in eine andere Erlebniswelt, ab. Aus dem Griechischen stammt der Begriff Ekstase für den Zustand des Außer-sich-Seins.
Psychologisch sind beide Zustände weitgehend von der Wirklichkeit entrückt. Eine starke Auto- und Fremdsuggestibilität (der Fähigkeit, sich von äußeren, fremden und inneren, eigenen Trug-Bildern beeinflussen zu lassen) kennzeichnet sie. Rhythmische Musik und Tanz dürften dabei wohl zu den ältesten Möglichkeiten des Menschen gehören, Trance und Ekstase zu erreichen.
Eine drastischere Form, die den Menschen umgebende Wirklichkeit zeitweise auszublenden, ist der Genuß von Rauschdrogen. Aus Höhlenzeichnungen und steinzeitlichen Funden, aber auch aus Beobachtungen der wenigen noch heute existierenden archaischen Kulturen kann man schließen, daß die sogenannten "primitiven" Völker aller Zeiten ein höchst erstaunliches und umfassendes pharmakologisches Wissen besaßen und noch besitzen. Schon die Jäger und Sammler der Altsteinzeit vor rund 12.000 Jahren kannten Rauschdrogen und Pfeilgifte. Den Mainaden, Verehrerinnen des griechischen Gottes Dionysos, ermöglichten entsprechende Substanzen ebenso rauschhafte Transzendenz wie den sogenannten "Hexen" bei den Sabbaten ihre "Flüge" zum Tanzplatz. Medizinmänner unternehmen bis in unsere Tage unter dem Einfluß von "heiligen Pilzen" prophetische Reisen ins Geisterreich. Südamerikanische Indianer bereiten heute noch aus zerstampften Lianenrinden das Nervengift Curare. Sein Wirkstoff spielt in der modernen Medizin eine wichtige Rolle, weil er Krämpfe nach einer Tetanus-Infektion verhindert.

Sowohl in den griechischen Dionysos-Mysterien wie auch bei den ersten Christen galt der Wein als göttliches Blut und der Rausch als Vorwegnahme der Unsterblichkeit. Bis heute gehört er zum Ritus des Abendmahles.
Die ersten Christen taten sich am "Blut Christi" wohl allzu gütlich, so daß der Apostel Paulus in einem Brief an die Gemeinde Ephesus mahnen mußte: "Und saufet euch nicht voll Wein, daraus ein unordentlich Wesen folgt, sondern werdet voll Geistes!"