Sucht hat viele Gesichter.

Die hoffnungslosen Augen eines heroinabhängigen Mädchens, das Pressefoto des jungen Mannes, der nach einer Überdosis tot auf der Bahnhofstoilette gefunden wurde - Bilder, die jedem sofort vor Augen stehen, wenn's um das Thema Sucht und Drogen geht. Sie spiegeln aber nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit wider: Sucht hat viele Gesichter, ängstigende und mitleiderregende, aber auch bunte und harmlose Gesichter - scheinbar. Nach Gummibärchen ist noch niemand süchtig geworden. Aber Schokolade, Bonbons, Kekse - oder auch Gummibärchen - waren vielleicht manches Mal der Wegbereiter in ein abhängiges Leben: dann, wenn sie nicht nur ein gelegentlicher, wohlschmeckender Genuß für ein Kind sind, sondern der mehr oder minder ständige und unkontrollierte Ersatz für menschliche Zuwendung, Lob oder Trost.

Der Blick vieler Eltern ist auf die ängstigende, von Zeitungen und Fernsehen oft spektakulär dargestellte Seite des Problems gerichtet.
Eltern fragen sich, welche Drogen bedrohen mein Kind, wie wirken sie, wie kann ich mein Kind schützen?
Viel wichtiger ist es aber, sich zu fragen, warum greifen junge (und auch erwachsene) Menschen zu Suchtmitteln wie Alkohol, Medikamenten, Nikotin oder Drogen (Anm. des webmaster: Hier wird mir zuviel Unterschied zwischen Droge und "Droge" gemacht!)?
Sucht entwickelt sich nämlich nicht nur als Abhängigkeit von den sogenannten harten, verbotenen (illegalen) Drogen wie Heroin oder Kokain.
Um zu verstehen, wie Sucht entsteht, muß man die Aufmerksamkeit von den Drogen und anderen Suchtmitteln lösen. Vielmehr sollte man den Blick auf die Lebenssituation, die Entstehungsbedingungen richten, in denen sich Suchtverhalten entwickeln kann.

Am Anfang steht der Wunsch, sich wohl zu fühlen.

Sucht hat zunächst mit einem Wunsch zu tun, den jeder hat:
sich wohl oder besser zu fühlen.
Die meisten verschaffen sich ganz bewußt Wohlbefinden: das wohlige Gefühl der Sättigung durch Essen und Trinken, Erfolgserlebnisse durch Arbeit, Besserung durch Medikamente, Entspannung oder Anregung durch Alkohol oder Nikotin.

Bei einigen Menschen verändert sich mit der Zeit die Bedeutung solcher "liebgewordenen Gewohnheiten" (z. B.das entspannende Gläschen Wein am Abend ) oder die Bedeutung der Befriedigung eines alltäglichen Bedürfnisses (z. B. das Hungerstillen durch Essen).

Von der "liebgewordenen Gewohnheit" zum "Trostspender"

Bei der Eßsucht ist es zum Beispiel so, daß jemand zunächst bemerkt, daß Essen nicht nur den Hunger stillt, sondern auch sonst "guttut":
Es tröstet über Enttäuschungen und Frustrationen hinweg, besonders dann, wenn "Trost" bei anderen nicht zu finden ist.

Mit der Zeit verdrängt die erstrebte "Tröstung" immer mehr den echten Hunger als Anlaß des Essens:
Man ißt. wenn man wieder eine Frustration erlebt hat - auch wenn der Körper eigentlich keine Nahrung braucht. Und man ißt solange, wie man sich hierdurch irgendwie "besser" fühlt, bis der Körper die "Überfütterung" schließlich doch in Unwohlsein und vielleicht sogar Erbrechen spüren läßt.

Essen als Ersatz für Zuwendung, Mitgefühl. Trost verselbständigt sich weitgehend vom "normalen" Zweck des Essens.

Der Zwang zur höheren Dosis

Bei stoffgebundener Sucht, zum Beispiel bei Alkoholabhängigkeit, wird die Sucht dadurch in Gang gehalten oder gesteigert, daß der Körper mit der Zeit eine immer größere Menge des Stoffes verträgt.
Er gewöhnt sich sogar daran. Der Süchtige braucht also eine immer größere Dosis, um sein Wohlgefühl herzustellen, ohne zunächst die Kehrseite zu spüren. Ein derartig schnell und intensiv "belohntes" Verhalten ist nur sehr schwer - durch den Süchtigen oder von außen - zu ändern. Mit fortdauernder Dosissteigerung wird das anfängliche Wohlgefühl schließlich immer schwächer. Die Drogeneinnahme wird jetzt schon deshalb benötigt, um Entzugserscheinungen zu vermeiden. Die Fachleute bezeichnen dies mit dem Begriff der körperlichen Abhängigkeit.

Durch das Suchtverhalten und die damit verbundenen körperlichen wie seelischen Auswirkungen auf den Betroffenen wird für ihn meist die "echte" Bedürfnisbefriedigung immer schwerer erreichbar.

Körperliche Schwächung, schlechtes Aussehen, "befremdliches" Verhalten des Süchtigen lassen die Menschen, von denen er Liebe und Zuwendung (nicht: Mitleid) benötigt, noch weiter auf Distanz gehen. Was liegt näher, als sich mit dem so viel leichter erreichbaren "Liebes-Ersatz" zufriedenzugeben? Die Ersatzbefriedigung wird immer verführerischer.

Körperliche und psychische Abhängigkeit

Die körperliche Abhängigkeit kann bei den meisten Suchtmitteln relativ schnell überwunden werden:
so wie sich der Körper an Alkohol gewöhnt, kann er auch wieder entwöhnt werden.

Die Entstehung einer körperlichen Abhängigkeit hängt vom jeweiligen Suchtmittel ab. Körperliche Abhängigkeit ist stets mit dem Auftreten von Entzugssymptomen verbunden, wenn das Suchtmittel abgesetzt wird.

Mehr Probleme macht die dem Suchtverhalten zugrundeliegende psychische Abhängigkeit. Sie besteht dann, wenn ein unbezwingbares Verlangen danach besteht, eine Droge ständig und wiederholt einzunehmen: sei es als Ersatzbefriedigung für unerfüllte Bedürfnisse, sei es als Ausgleich für mangelndes Selbstvertrauen oder um sich unangenehmen Situationen und Gefühlen zu entziehen. Psychische Abhängigkeit ist bei allen Formen von Suchtverhalten gegeben.

Stoffgebundene und stoffungebundene Sucht

Sucht tritt keineswegs nur in Form etwa von Alkohol-, Rauschgift- oder Medikamentenmißbrauch auf, also als "stoffgebundene" Sucht.
Sucht kann ganz anders in Erscheinung treten, etwa als Spielsucht oder als Eßsucht. Dies sind Beispiele für "stoffungebundene" Suchtformen.

Das Ausmaß der individuellen Schädigung wird nicht nur von der Art der Sucht bestimmt, sondern auch zum Beispiel davon,
- in welcher körperlichen und seelischen Verfassung der Süchtige sich "anfangs" befindet,
- in welcher Intensität und Dauer die Sucht "gelebt" wird,
- ob und inwieweit der Abhängige in sozialen Beziehungen, also von Freunden, Verwandten, Kollegen oder der Familie, aufgefangen wird.

Warum aber werden einige Menschen von Alkohol oder anderen Drogen, vom Fernsehen, vom Glücksspiel, von der Arbeit oder auch vom Essen etc. abhängig ("süchtig"), andere hingegen nicht? Dies hängt mit einer Vielzahl von Gründen zusammen, die sich je nach Drogenart, Lebenssituation und Persönlichkeit des einzelnen unterscheiden.

Oft haben Eltern Angst, jemand könnte ihre Kinder "süchtig machen", indem er z. B. heimlich eine Droge in die Cola oder Limonade eines Jugendlichen schüttet. Ein solches Ereignis allein - sollte es tatsächlich einmal eintreten - reicht aber nicht aus, um süchtig zu werden. Dies widerspräche auch allen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Entstehung von Sucht.

Erwiesen ist, daß die psychische Abhängigkeit der wesentliche Faktor für die Aufrechterhaltung von Suchtverhalten ist. Psychische Abhängigkeit aber ist das Ergebnis eines langfristigen Prozesses und entsteht nicht von heute auf morgen oder durch ein einmaliges Ereignis.