Aus Kindern werden Leute Teil IV

Eltern müssen nicht perfekt sein

War die Erziehung der Kleinen schon nicht einfach, mit der beginnenden Pubertät wird's manchmal noch problematischer Nervige Auseinandersetzungen oder auch völlige Funkstille - vor allem zwischen Vätern und Söhnen sowie Muttern und Töchtern - können den Alltag beherrschen.

Es entstehen Gefühle der Ratlosigkeit (was hab' ich nur falsch gemacht?), des Selbstzweifels (haben wir als Eltern versagt7), vielleicht auch des Ärgers (die konnte ruhig etwas dankbarer sein) Die Flut an Informationen über "Suchtkarrieren" und Empfehlungen zur Kindererziehung helfen Eltern oft auch nicht weiter.

Offene oder versteckte Hinweise auf die schiimmen Folgen elterlichen "Versagens" machen wütend oder hilflos. Mancher "Ratgeber" erhöht noch die Ratlosigkeit, wenn er empfiehlt, nicht zu streng zu sein, aber auch wiederum die Zügel nicht schleifen zu lassen.

Eines ist klar Eltern haben eher als alle anderen die Chance, ihre Kinder kennenzulernen und zu erspüren, was ihnen weiterhilft. Deshalb kann jeder Hinweis von außen nur ein Denkanstoß bleiben, noch genauer hinzusehen, vielleicht auch das eigene Verhalten zu überdenken. Rezepte für Beziehungen zwischen Menschen gibt es nicht.

Dem eigenen Denken und Fühlen etwas zutrauen.

Fachleute warnen daher vor Versuchen, Rezepte zu formulieren, und ermutigen Eltern, dem eigenen Denken und Fühlen etwas zuzutrauen, denn Niemand muß perfekt sein.

- Der Eindruck, perfekt zu sein, steht einer Beziehung zu Kindern sogar im Wege. Er entmutigt und führt eher dazu, Unsicherheiten und Schwachen mit sich allein auszumachen. Eltern können auch mal zugeben, nicht mehr weiter zu wissen. Das verbindet, wirkt ehrlich, schafft Zugang.

- Eltern sollen ein Kind nicht anders "machen" wollen, als es ist. Aber sie können ihm helfen, anders zu werden, wenn es das will. Ein Kind oder Jugendlicher soll merken, daß die Eltern an seinem Lebensweg interessiert sind, daß sie sich etwas "von Herzen wünschen", aber nicht etwas erwarten und einfordern.

- Eltern können nicht alles überwachen und sind nicht für alles verantwortlich, was ihre Kinder tun Kinder können nur dann in ihre Selbständigkeit hineinwachsen, wenn sie zunehmend für sich selbst Verantwortung tragen. Das entlastet Eltern, erfordert aber auch die Fähigkeit, auszuhalten, wenn ihr Kind etwas vermutlich Falsches tut.

- Es ist in der Erziehung immer besser, Hilfestellungen und Kraft zu geben, Schwierigkeiten zu bewältigen, als etwas Bestimmtes, z B Drogengebrauch, verhindern zu wollen.

Es gibt keinen Erziehungsstil, der mit Sicherheit verhindern konnte, daß Jugendliche Drogen ausprobieren. Erziehung ist aber durchaus mitentscheidend, ob es beim Probieren bleibt oder ob der Konsum von Drogen mehr und mehr zur Gewohnheit wird. Ein Erziehungsstil, der intensive Zuwendung mit Anregungen zu selbständigem Handeln verbindet, befähigt Jugendliche, Aufgaben und Probleme zu meistern Sie werden dann vor Schwierigkeiten nicht in den Konsum von Suchtmitteln ausweichen.

Vorleben statt vorschreiben

Allerdings gibt es durchaus einen Lebensstil, der zumindest dazu beitragen kann, daß Kinder Suchtmittel nicht als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens betrachten.

Vor allem ist es wichtig, daß Eltern sich Gedanken über ihren eigenen Umgang, insbesondere mit den "alltäglichen" Suchtmitteln wie Alkohol, Nikotin oder Medikamenten machen.

Gehört zu jeder Party Alkohol? Muß man Raucher dulden, auch wenn man selbst nicht raucht? Wie hält man es selbst z B mit dem Autofahren und Alkohol? Hat man eigentlich daran gedacht, Alternativen anzubieten, wenn Alkohol im Spiel war (z B durch das Angebot eines Übernachtungsplatzes statt Freunde der Tochter oder des Sohnes mit dem Auto oder Mofa nach Hause fahren zu lassen)? Wie schnell nimmt man selbst eine Tablette ein, wenn der Kopf ein wenig druckt?

Kleine, an sich "unbedeutende" Gewohnheiten sieht man dann in einem anderen Licht. Vielleicht hilft solche Selbstkritik auch, den Sohn oder die Tochter besser zu verstehen oder Erklärungen für sein/ihr Verhalten zu finden. Auf jeden Fall gewinnen Eltern an Glaubwürdigkeit gegenüber den Kindern, wenn sie zeigen, daß sie in der Lage sind, sich selbst in Frage zu stellen und dann auch ihr Verhalten zu ändern.

Eltern waren auch einmal Kinder

Eltern können leichter Verständnis für die Situation ihres Kindes aufbringen, wenn sie sich an ihre eigene Jugendzeit erinnern. Vor allem an die lästigen Verbote, die Strafen der Eltern, an Kritik, durch die man sich "fertiggemacht" fühlte.

Zuweilen erinnern sich Erwachsene bei diesem Rückblick in die eigene Kindheit auch an unerfüllte private oder berufliche Wünsche, die aus widrigen Umständen nicht in Erfüllung gingen. Ohne es bewußt zu planen, werden manchmal die Kinder damit beauftragt, das Ersehnte umzusetzen. Es macht einfach Freude, sich vorzustellen, daß die Tochter oder der Sohn mit weniger Mühe eine gesicherte Position erreicht.
Aber wollen sie das denn auch wirklich? Entsprechen die Erwartungen ihren Begabungen und Interessen?

Wenn es Eltern gelingt, sich in die eigene Jugend hineinzufühlen, wieder die Unsicherheiten der eigenen Wegsuche zu spüren und zugleich die Eigenständigkeit ihrer Kinder in einer veränderten Zeit zu achten, besteht eine Chance der Annäherung und des wechselseitigen Verständnisses.

Kinder rechtzeitig "loslassen"

Wenn Kinder selbständig werden, stehen auch für die Eltern Veränderungen an.

Die Konzentration auf die Kinder hat vieles im eigenen Leben verdeckt, oft "weggedrückt", weil einfach die Energie fehlte, es zu bedenken oder anzupacken:

- eigene Bedürfnisse, Wünsche, Interessen, Hobbys,
- die "Beziehungspflege" untereinander,
- die kleinen oder großen Verlassenheitsgefühle,
- die in den Jahren gewachsene und nie ernsthaft beantwortete Frage, ob das denn alles gewesen sei.

Zuviel wird dann von der Beziehung zum Kind erwartet, oft Sehnsüchte nach emotionaler Verläßlichkeit und Geborgenheit, die in anderen Beziehungen unerfüllt geblieben sind.
Kinder lassen sich vielleicht binden und verpassen dann den richtigen Zeitpunkt für den Aufbruch in die eigene Selbständigkeit, die auch vor Sucht schützt.

Manchmal hilft es Eltern, sich selbst etwas mehr Aufmerksamkeit zu gönnen, die "eigenen Verhältnisse" zu ordnen, erfüllende Lebensthemen zu finden, Beziehungen zu pflegen, Hobbys anzufangen, einfach Neues zu lernen. Das macht zufrieden, erleichtert das Loslassen und bewirkt oft, daß die Kinder "wiederkommen" - manchmal im ganz wörtlichen Sinne, oft auch mit ihrem Vertrauen und ihrer Gesprächsbereitschaft.

Die folgenden Fragen sollen Ihnen helfen, sich an die eigene Jugendzeit zu erinnern, und damit Ihnen einen leichteren Zugang zum Lebensgefühl der eigenen Kinder ermöglichen.

- Was haben mir meine Eltern damals verboten, was haben sie mir erlaubt? Was habe ich daran nicht verstanden?

- Wie haben sich meine Eltern verhalten, als ich immer seltener zu Hause auftauchte?

- Haben sie von ihren Befürchtungen gesprochen, und welche waren das?

- Was habe ich an meinen Eltern damals gut gefunden, was hat mich gestört oder geärgert?

- Habe ich den Eltern meine(n) erste(n) Freundin/Freund verheimlicht und warum?

- Wie haben die Eltern reagiert, als sie zum ersten Mal merkten, daß ich einen Freund/eine Freundin hatte? Fühlte ich mich von ihnen verstanden?

- Wie hätten sie sich damals verhalten sollen ?