Aus Kindern werden Leute Teil III

Belastungen und Entlastungen

Die großen Belohnungen (der Gesellenbrief, das Abitur), für die Jugendliche tagtäglich Anstrengungen auf sich nehmen müssen, liegen oft in weiter Ferne. Für viele Belastungen sind noch nicht einmal "Belohnungen" in Sicht oder zu erwarten. Damit der lange Weg nicht in eine einzige Plage ausartet, braucht jeder, nicht nur der Jugendliche, Entlastungen.

Wer sich selbst nicht auch mal etwas Gutes gönnt oder von anderen einmal "verwöhnt" wird - auch ohne daß er dafür etwas leisten mußte -, sieht das ganze Leben leicht als eine Aneinanderreihung von Streß und Langeweile.
Suchtmittel können dann eine verführerische, aber trügerische Form der Entlastung sein.

Zur Fähigkeit, Belastungen zu meistern, gehört daher auch, sich Entlastungen verschaffen zu können - ohne die Flucht in die Scheinwelten von Alkohol, Medikamenten oder Drogen: ein ausgiebiges Bad bei Kerzenschein zur Entspannung, ein langer Spaziergang zum Abschalten, eine durchtanzte Nacht zum Abreagieren - und auch mal ein "Frustkauf" ist kein Weltuntergang.

Miteinander reden

Miteinander reden kann Schwierigkeiten beseitigen, bevor ein Problem daraus wird. Miteinander reden heißt nicht aufeinander einreden, sondern in Kontakt mit dem anderen treten, ihn wahrnehmen und ernst nehmen, sich öffnen, aber auch zuhören.

Wichtige Gespräche benötigen Zeit und Ruhe. Die sich immer mehr ausbreitende Hektik des Alltags verhindert entspannte Situationen. Kinder und Eltern haben dann allenfalls Gelegenheit, sich gegenseitig ihre Erlebnisse mitzuteilen, aber kaum Zeit, über das zu reden, was sie berührt, was ihnen "auf der Seele" liegt.

Gelegenheiten zum Reden ergeben sich auch, wenn Eltern und Jugendliche gemeinsame Hobbys und Interessen haben: sich gemeinsam aufs Motorrad schwingen oder gemeinsam Sport betreiben, zusammen Musikveranstaltungen besuchen oder ins Kino gehen. Dann drehen sich Gespräche mal nicht um Schulprobleme oder den täglichen Frust.

Andererseits haben Jugendliche oft "keinen Bock", stundenlang mit den Eltern zu "labern", und manchmal echten "Horror" davor, etwas gemeinsam zu unternehmen. Beides tun sie lieber ausgiebig in der Clique.
Eltern können das nur respektieren. Gespräche oder Gemeinsamkeiten (geschweige denn die Lust dazu) lassen sich nun mal nicht erzwingen. Eltern sollten allerdings ihre Bereitschaft zu beidem signalisieren - keinesfalls aber die Beleidigten spielen.

Eine Entlastung kann auch in der Bestätigung durch andere bestehen.
Etwa dadurch, daß immer wieder kleine oder auch mal größere "Belohnungen" und Entlastungen den langen Weg unterbrechen: ein Lob für die Klassenarbeit, die diesmal gut oder doch besser als beim letzten Mal ausfiel, das Lieblingsessen, die Erlaubnis zur Fahrt mit der Clique.

Oder wenn im Zusammenleben der Familie spürbar wird, daß Schule, Ausbildung, auch der Beruf nicht alles sind. Daß Ausflüge, Theater- oder Konzertbesuche, die Party mit Freunden und Bekannten, das Tischtennisspiel zu Hause oder gemeinsame Mahlzeiten genauso wichtig sind und Zeit dafür bleiben muß.

Eltern können ruhig zeigen, daß auch sie Belohnungen und Entlastungen gebrauchen können und sich darüber freuen - besonders, wenn sie von ihren Kindern kommen. Zum Beispiel, wenn diese von sich aus die Zuständigkeit für gewisse Hausarbeiten oder die Vorbereitungen für das gemeinsame Wochenende übernehmen. Wenn sie also zeigen, daß sie die "Leistungen" ihrer Eltern nicht als reine Selbstverständlichkeit ansehen.

Jugendliche wollen was erleben

Auch Alltagstrott und Routine haben ihren Sinn, z. B. um gleichbleibende Alltagsaufgaben abzuwickeln und hinter sich zu bringen. Jugendlichen geht solche Routine oft auf den Geist. Sie wollen was erleben:
Abwechslung, Abenteuer, Risiko. Etwas ausprobieren, bei dem nicht von vornherein feststeht, wie's ausgeht, und dabei Spannung, Angst-Lust, Nervenkitzel erleben. Dieses Bedürfnis gibt Gelegenheit, Freiheit zu spüren, seine Kraft und Jugendlichkeit zu erproben und zu bestätigen.

Im verplanten Lebensalltag läuft dieses Bedürfnis von Jugendlichen ins Leere oder wird mit Ersatz abgespeist: Eltern befürchten - oft zu Recht -, daß wirkliche Risiken für ihr Kind zu gefährlich sind, weil es bislang kaum Gelegenheit hatte, damit umzugehen. Daher sehen sie eigentlich gar nicht so ungern, daß ihr Sohn, anstatt einen Kurs im Drachenfliegen mitzumachen, sich die gefährlichen Erlebnisse anderer im Action-Film "reinzieht".

Allerdings: Bei einem solchen Leben auf Sparflamme droht das Bedürfnis des Jugendlichen nach Risiko maßlos zu werden. Er verliert den Bezug zur Realität, vor allem zu den eigenen wirklichen Fähigkeiten und Kräften. Dann sucht er manchmal nach unverhältnismäßigen, oft lebensgefährlichen Risiken.

Oder der verregelte Alltag führt Jugendliche dahin, die realen Risiken zu meiden und Spannung und Nervenkitzel eher passiv, in Allmachtsphantasien oder beim Konsum fremder Abenteuer im Horror-Video zu suchen. Auch die Erlebnisse im Drogenrausch erscheinen solchen Jugendlichen abenteuerlich und verlockend.

Aus Kindern werden Leute IV