Aus Kindern werden Leute Teil IISich draußen bewähren
In der Kindheit war die Familie für das Kind der wichtigste Lernort:
dort lernte es, nach kleineren auch größere Aufgaben zu erfüllen, Konflikte mit Eltern und Geschwistern auszutragen und vieles andere.
Spätestens im Jugendalter ändert sich die Funktion der Familie.
Jetzt nämlich werden die Erfahrungen draußen,sozusagen im richtigen Leben, viel wichtiger. Das, was Kinder im alltäglichen Zusammenleben von und mit den Eltern gelernt haben, kann sich nun bewähren:
In der Schulklasse, im Ausbildungsbetrieb, in der Clique müssen Jugendliche nun ihren Platz finden.
Die Aufgabe der Familie ändert sich in dieser Zeit. Auch wenn sie Eltern oft das gegenteilige Gefühl geben:
Jugendliche brauchen ein Zuhause, nicht nur als Lernort, sondern auch als "Heimathafen". Dieser dient ihnen jetzt allerdings kaum noch als "Schutzhafen" - wie in der Kindheit -, sondern vor allem als Hafen für Proviant und Treibstoff: Sie "tanken" dort Kraft und Trost, vor allem wenn die Erfahrungen "draußen" zu Enttäuschungen führten oder einfach schwer allein zu "verkraften" sind.
100 Meter Schiffstau,
Trockenfleisch und ein Kondome...
Etwa, wenn der Freund, die Freundin "Schluß gemacht" haben oder die Ausbildung doch ganz anders ist als erhofft. Der emotionale Rückhalt in der Familie ermutigt sie dann, trotzdem wieder zu neuen "Fahrten" aufzubrechen.
Weggefährten oder Leidensgenossen?
So, und das ist
mein neuer Freund!Die Erfahrungen, die Jugendliche auf ihren "Fahrten" machen, kann ihnen niemand ersetzen. Trotzdem brauchen sie Weggefährten, die Verständnis für ihre Irrungen und Wirrungen haben und auch Orientierung und Halt bieten können.
Sich gemeinsam über Neues und Überraschendes zu freuen gehört ebenso dazu wie Mit-Leiden und Trösten, wenn mal was danebengeht. Es tut gut zu spüren, daß die Eltern sich über die erste große Liebe freuen und sie unterstützen - selbst wenn sie befürchten, daß dabei die Schulleistungen der Toc oder des Sohnes leiden könnten.
Loslassen können
Die Angst um ihr Wohl macht es schwer, die heranwachsenden Kinder rechtzeitig loszulassen. Erfahrungen außerhalb der Kontrolle der Eltern sind aber ein wesentlicher Bestandteil auf dem Weg in ein - im doppelten Sinne - unabhängiges Leben. Je mehr Raum die Eltern dem Wunsch nach Unabhängigkeit geben, um so größer ist die Chance, daß Jugendliche eigene, freigewählte Bindungen eingehen und neue Abhängigkeiten vermeiden können.
Loslassen heißt nicht, sich ein für allemal von den Kindern zu verabschieden.
Sie brauchen ihre Eltern weiterhin als Gesprächs- und Konfliktpartner. Auch dann, wenn sie sich kaum noch zu Hause blicken lassen und selbst nur wenig Gesprächsbereitschaft zeigen. Wenn Jugendliche wissen, daß sie zu Hause verständnisvolle (nicht kritiklose) Partner finden, kommen sie von selbst zurück.Konflikte austragen
Jugendliche, die sich als gleichrangige Gesprächspartner erlebt haben, sind bereit, auch Konflikte partnerschaftlich zu lösen - statt ihnen vielleicht mit Suchtmitteln auszuweichen oder sie gewalttätig zu lösen.
Der Umgang mit Konflikten gehört zu den wichtigen Erfahrungen, die Jugendliche in der Familie machen können und die ihnen auch draußen nützen. Konflikte geben Jugendlichen Gelegenheit, die eigenen Interessen und Wünsche deutlich zum Ausdruck zu bringen. Natürlich enthält das den Versuch, sich durchzusetzen - gerade auch gegenüber den Eltern - und sich dadurch als "eigenständige" Persönlichkeit von ihnen abzugrenzen.
Etwa mit dem Wunsch, nicht schon um 10.00 Uhr abends nach Hause kommen zu müssen, oder ihr "Outfit" so zu wählen, wie es ihnen paßt.
Eltern können Versuche ihres heranwachsenden Kindes, sich ihnen gegenüber durchzusetzen, leicht als Signal mißverstehen: "ihr seid für mich nicht mehr wichtig"; vielmehr handelt es sich um notwendige Schritte zur gelungenen Persönlichkeitsentwicklung. Natürlich müssen Eltern auch deutlich machen, wo sie das Verhalten ihres Kindes als "Zumutung" empfinden. Der Konflikt muß für den Jugendlichen aber auch "verkraftbar" sein. Die auch heute noch beliebte - wenn auch seltener ausgesprochene - Ansicht: "Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst..." läßt nur die Wahl, sich zu fügen oder die Familie zu verlassen, und verbaut damit eine Lösung, in der sich Eltern wie Kinder noch wiederfinden. Sind die beiderseitigen Standpunkte unvereinbar, sollte beim Jugendlichen zumindest das Gefühl bleiben: "Wir sind zwar unterschiedlicher Meinung, aber trotz allen Streits und aller Enttäuschungen ist es auszuhalten."
Eltern können - auch durch die Art und Weise, in der sie Konflikte untereinander austragen - zur Entstehung einer "Streitkultur" in der Familie beitragen:
- Auseinandersetzungen werden offen und fair geführt und nicht als Mittel benutzt, den anderen zu verletzen;
- Konflikte werden als eine normale Form des Umgangs miteinander verstanden, in der unterschiedliche Interessen und Standpunkte "verhandelt" werden;
- Konflikte haben auch ihr Gutes: mehr Klarheit, Entscheidungen, ein besseres Verständnis des anderen."Hey, mach' mich nicht an..."
Kennen Sie diesen Spruch? Als Fräulein Tochter oder Sohnemann Ihnen diesen Spruch erstmals an den Kopf geworfen hat, waren Sie platt, stimmt's ? Mit Recht, und der anschließende Riesenkrach hatte vielleicht auch seine Richtigkeit.
Aber das eine oder andere Mal hat sie oder er vielleicht doch recht.
Hand aufs Herz: Ging es bei den nervigen Auseinandersetzungen mit den Heranwachsenden wirklich immer um die angesprochene Sache oder steckte von Ihrer Seite aus nicht auch mal ganz etwas anderes dahinter?
Ist das neue "Outfit" der Tochter wirklich so schrill und häßlich?
Oder lehnen Sie es nicht vielmehr deshalb ab. weil es vor Nachbarn oder Verwandten ein bißchen peinlich ist, wenn das Kind so rumläuft? Oder haben Sie sich einfach noch nicht daran gewöhnt, daß Ihre Tochter solche Entscheidungen jetzt Selbst trifft?![]()
Eltern sollten sich bei Konflikten immer fragen, ob sie den wirklichen Grund ihres Ärgers auch zur Sprache bringen.
Andernfalls müssen Art und Itensität des elterlichen Verhaltens dem Jugendlichen unverständlich bleiben.
Das sind dann die Konflikte, bei denen es "am höchsten hergeht" und am wenigsten herauskommt. Die Jugendlichen haben in diesem Fall keine Chance, wirklich mitzuhalten: ihre Argumente sind von vornherein aussichtslos, weil sie die wahren Motive der Eltern nicht treffen können.
Übrigens: Beim Thema Klamotten und "Outfit" gilt das auch umgekehrt.
Jugendliche verteidigen ihr Outfit nicht unbedingt deshalb so ausdauernd, weil sie es "schön" finden, sondern weil sie in ihrer Kleidung darstellen wollen, daß sie anders sind und empfinden als "die anderen". Natürlich es auch ein Zeichen, daß sie sich neuen Idolen und Idealen zuwenden und ihre "Zugehörigkeit" auch in Kleidung. Outfit und Verhalten "demonstrieren" wollen.
Aus Kindern werden Leute III