Aus Kindern werden Leute

Aus Kindern werden Leute, einfach so. Eben nicht einfach so, sondern mit viel Mühe. Nur das Wachsen funktioniert (fast) von allein. Den gar nicht kleinen Rest müssen die jungen Leute sich ganz schön hart erarbeiten.

Irgendwie werden dann aus den lieben Kleinen plötzlich ganz und gar nicht pflegeleichte Sprößlinge:
verschlossen, schwierig, widerspenstig. Kein Wunder. Sie fühlen sich Veränderungen ausgesetzt, die sie nicht verstehen, ihr Körper wird ihnen fremd, die Entwicklung ihrer Sexualität beschert ihnen Gefühle und Wünsche, die sie bisher nicht kannten. Ihre Stimmungen schwanken, und sie wissen manchmal nicht, wer sie eigentlich sind.

Schritte in die Selbständigkeit

Gerade in dieser Zeit erwarten auch noch "die anderen" in der Familie, der Schule, der Clique, im Ausbildungsbetrieb von ihnen alles Mögliche und Unmögliche, oft Unterschiedliches, manchmal auch Gegensätzliches:
sich von der Familie mehr "abzusetzen", mit der Freundin/dem Freund zu schlafen, sich an Werten zu orientieren, die sie selbst gerade für "altmodisch" halten usw.
Zu allem Überfluß stehen jetzt für den weiteren Lebensweg wichtige Entscheidungen an:
Soll sie/er mit dem Hauptschulabschluß abgehen?
Jetzt Lehre oder später Studium oder beides? Erst ein Jahr ins Ausland und danach das Studium oder umgekehrt?

Die Bewältigung solcher Aufgaben erfordert eigene Anstrengungen und Entscheidungen. Dadurch erwerben bzw. verstärken Jugendliche wichtige Fähigkeiten, die es ihnen erleichtern, auch künftig Probleme selbständig zu lösen. Diese Bestätigungen stärken Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen. Beste Voraussetzungen, als selbständige und individuelle Persönlichkeit "einen Platz in der Gesellschaft" zu finden. Auf dem Weg dorthin haben Jugendliche sehr viele solcher Entwicklungsaufgaben zu erfüllen. Eltern können ihnen dabei helfen.

Zwischen Über- und Unterforderung

Eltern tragen ihren Teil dazu bei, ob ihr Kind seine Entwicklungsaufgaben bewältigt - oder ob diese es so sehr belasten, daß der Junge oder das Mädchen eher davor flüchtet in Krankheit oder Kränkeln, wodurch sich so vieles entschuldigen läßt; später vielleicht in die Arme eines Beschützers oder einer Beschützerin, die schon alles richten, oder z. B. in Medikamente oder andere Suchtmittel, die alles scheinbar so viel leichter machen.

Suchtvorbeugung bedeutet für Eltern also vor allem, daß sie ihr heranwachsendes Kind darin fördern, mit Problemen und Schwierigkeiten umgehen zu lernen. Damit es keine scheinbar besseren Erlebnisse braucht. Vor allem die wachsende Zahl von Entscheidungen, die Jugendliche jetzt selbst treffen müssen, überfordert sie oft. Aufgabe der Eltern ist es, ihre eigene Meinung und Orientierung deutlich zu machen. Auch Jugendlichen sind die Ansichten ihrer Eltern wichtig, selbst wenn es nach außen anders aussieht und sie die Sichtweise ihrer Eltern immer seltener einfach übernehmen.

Aber Jugendliche suchen auch dann nach scheinbar besseren Erlebnissen, wenn sie sich unterfordert fühlen, wenn ihre Probleme eher darin bestehen, keine zu haben: Wenn sie gar nichts zu entscheiden brauchen, weil kaum etwas passiert und alles in längst geregelten Bahnen verläuft.
Suchtvorbeugung heißt für Eltern also auch, dafür zu sorgen, daß ihre Tochter, ihr Sohn Raum für echte Erlebnisse haben, sich an altersgerechten Aufgaben erproben und Verantwortung übernehmen können.

Die eigenen Kräfte spüren

Die eigenen Kräfte und Fähigkeiten zu erfahren stärkt das Zutrauen, auch neue Aufgaben selbständig anzugehen. Gelegentliche Mißerfolge werden dann weniger als Entmutigung, denn als Ansporn erlebt, es noch mal und vielleicht anders zu versuchen. Jugendliche müssen das allerdings "üben" - so wie sie als Kinder laufen lernen oder Fahrrad fahren üben mußten.

Jugendliche werden von den vielen Leistungen, die ihnen abverlangt werden, dann nicht überfordert, wenn sie die Ziele mit eigener Anstrengung erreichen und das Verhältnis von Anstrengung und zu erwartendem Erfolg stimmt.
Eltern können manches tun, damit es stimmt.

Das beginnt bei ganz alltäglichen Dingen. Ein 16jähriges Mädchen kann selbst zum Einwohnermeldeamt gehen und einen Personalausweis beantragen. Der Vater muß ihm das nicht abnehmen, weil "...das Kind sich doch bei Behörden so wenig auskennt..." und er "...ohnehin in der Stadt zu tun hat..."

Jugendliche, deren Aufgaben die Eltern für sie erledigt haben und denen alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt wurden, sind auffallend häufig unter Drogenabhängigen vertreten. Sie empfinden Aufgaben und Belastungen oft als Zumutung, mit denen sie eigentlich gar nichts zu tun haben. Sie haben nicht gelernt, sie wie selbstverständlich selbst zu erledigen.

Lernen, Verantwortung zu tragen

Ein kleines Kind braucht die umfassende Betreuung und Versorgung durch Eltern und Bezugspersonen.
Größere Kinder und besonders Jugendliche müssen nicht nur lernen, ohne diese Rundumversorgung auszukommen, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln; es ist auch wichtig, daß sie sich um die Belange anderer kümmern.

Zum Beispiel ist es ganz in Ordnung, von größeren Kindern zu verlangen, daß sie Aufgaben im Haushalt übernehmen, sich als Babysitter betätigen oder durch kleine Jobs dazu beitragen, daß ihre Sonderwünsche die Haushaltskasse nicht überfordern.

Wichtig ist, daß Jugendliche altersgemäße Aufgaben in eigener Regie ausführen dürfen und so die Einstellung entwickeln: Dafür bin ich verantwortlich.

Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen

- Die eigene körperliche Erscheinung akzeptieren.

- Neue Beziehungen zu den Eltern und anderen Bezugspersonen definieren und aufbauen.

- Übernahme der Geschlechterrolle: Lernen, worin sich die Erwartungen der anderen (Eltern, Freunde, Arbeitskollegen usw.) an einen Jungen und ein Mädchen unterscheiden - und eine eigene Position dazu finden.

- Mit der Entwicklung der eigenen Sexualität klarkommen.

- Neue Beziehungen zu gleichaltrigen Jungen und Mädchen aufbauen.

- Eine "Position" in der Clique erringen und behaupten.

- Sich für ein Berufsziel entscheiden.

- Lernen, in Schule und Betrieb "zurechtzukommen", in denen Kontrolle und Fremdbestimmung vorherrschen können.

- Eigene Werte entwickeln, vorgegebene übernehmen.

- Verantwortungsgefühl entwickeln.

Aus Kindern werden Leute II