Ich komme an mein Kind nicht mehr ran.
"...seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, er lebt in einer anderen Welt.
Wenn er überhaupt mit mir redet, mault er rum. Früher hat er mir doch alles erzählt. Jetzt hockt er dauernd vor dem Fernseher und glotzt und glotzt. Als ich ihn gefragt habe, was denn los sei, hat er gesagt, ich solle ihm nicht auf die Nerven gehen.
Mit seinem Freund Klaus unternimmt er auch nichts mehr. Und als ich dann gemerkt habe, daß er mit dieser Clique rumzieht... Einen von denen haben sie schon mal mit Haschisch erwischt... und Bier haben die sowieso immer dabei..."
So oder ähnlich beginnt oft der Bericht, wenn Eltern in einer Beratungsstelle Hilfe suchen. Sie stellen Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder fest und machen sich Sorgen.
Manchmal gibt es auch konkrete Verdachtsmomente dafür, daß Medikamente, Alkohol oder Drogen im Spiel sein könnten.Ist Suchtgefährdung erkennbar?
Viele Merkmale einer ganz normalen pubertären Entwicklung könnten auch ein Hinweis auf eine Suchtgefährdung oder einen tatsächlichen Suchtmittelmißbrauch sein: plötzlich abfallende Schulleistungen, Kinder ziehen sich von den Familienaktivitäten zurück, Stimmungen schwanken scheinbar ohne Anlaß zwischen Aggressionen, Vertrautheit und Ablehnung usw.
Suchtgefährdung ist daher nicht eindeutig erkennbar. Es gibt allerdings Verhaltensweisen, die immer die besondere Aufmerksamkeit der Eltern erregen sollten: wenn die Eltern feststellen, daß ihr Kind keine Freunde findet bzw. langjährige Freundschaften plötzlich abbricht, sich einsam fühlt, nichts mehr von alleine anfängt, permanent klagt, "ich geb's auf", "ich kann das nicht".
Das können Hinweise dafür sein, daß der Jugendliche mit den Anforderungen und der Komplexität des täglichen Lebens nicht mehr klarkommt.
Oder, daß er in der Familie für den Umgang mit Problemen und Konflikten keinen ausreichenden Rückhalt hat. Vielleicht mündet dies in einen Suchtmittelmißbrauch, vielleicht aber auch in andere Verhaltensauffälligkeiten oder problematische Entwicklungen wie psychosomatische Krankheiten oder den Anschluß an Jugendsekten. "Symptome" dieser Art sollten ernst genommen werden und Anlaß sein, sich gründlich mit dem Kind und der eigenen Beziehung zu ihm zu beschäftigen - auch mit Hilfe einer Beratungsstelle, wenn die Eltern dies für angebracht halten.Ein erster Verdacht - was nun!?
Wenn sich der Verdacht festigt, daß der Sohn oder die Tochter Alkohol im Übermaß konsumiert, unkontrolliert Medikamente einnimmt oder illegale Drogen gebraucht, heißt die erste Verhaltensregel: keine Panik! Unbedachtes und panisches Verhalten kann den Eltern so manche Möglichkeit verschließen. Gerade jetzt gilt es, den Kontakt zum Jugendlichen aufrechtzuerhalten und sein Vertrauen zu gewinnen. Ruhe zu bewahren bei dem Verdacht, das eigene Kind könnte etwas mit Drogen zu tun haben, ist leicht gesagt und schwer getan.
Die folgenden Anregungen können diese Situation erleichtern:
- Sprechen Sie mit anderen Bezugspersonen Ihres Kindes. Vieles erscheint dann unter Umständen in einem ganz anderen Licht.
Meistens hilft es, die Situation genauer oder auch richtiger einzuschätzen.- Suchen Sie das direkte Gespräch mit Ihrem Kind.
- Ein Gespräch zu erzwingen ist sinnlos, signalisieren Sie aber zumindest Gesprächsbereitschaft.
Vielleicht kann auch ein Dritter (Verwandte, Freunde, Lehrer o. a.), der zur Zeit einen besseren Zugang zu Ihrem Kind hat, ein Gespräch mit ihm führen.
- Offenheit und Ehrlichkeit sind jetzt besonders wichtig. Sprechen Sie über Ihre Sorgen, erklären Sie Ihr Mißtrauen. Verschweigen Sie aber auch nicht, daß Sie mit anderen über das Problem gesprochen haben oder daß Sie sich bei anderen erkundigen werden.
- Verharmlosen Sie die Situation nicht, spielen Sie das Problem nicht herunter, aber "dramatisieren" Sie es auch nicht.
- Informieren Sie sich. Wenn Eltern mit ihren Kindern sprechen, sollten sie informiert sein: über Sucht und Suchtmittel, aber auch über Hilfs- und Beratungsmöglichkeiten.