
Sie sind nicht allein
Eltern, die den Verdacht haben oder wissen, daß ihr Kind Probleme mit Alkohol, Drogen oder anderen Suchtmitteln hat, kommen sich hilflos und verlassen vor. Die Verunsicherung durch diese Situation, die Angst, ins Gerede zu kommen, die Befürchtung, etwas falsch zu machen, hindern sie daran, sich Rat und Entlastung bei anderen zu holen. Wer gibt schon gerne Fremden Einblick in Familienangelegenheiten, besonders, wenn es um ein so heikles Problem geht.
Aber gerade beim Thema Sucht ist das eine Einstellung, die jeden Ausweg verbauen kann. Niemand kann verlangen, daß Eltern, Angehörige oder Betroffene aus eigener Kraft ein so schwieriges Problem lösen. Es ist keine Schande, wenn ein Mitglied der Familie von einem Suchtmittel abhängig ist. Erst recht ist es keine Schande, sich Hilfe bei anderen zu holen: bei Freunden, bei Menschen, die in der gleichen Situation sind oder waren, bei professionellen Beratern.
Hilfe, wenn man nicht mehr weiterweiß
Manchmal ist fremde Hilfe deshalb notwendig, weil man selbst einfach den Überblick verloren hat, allzusehr in das Problem "verstrickt" ist oder die eigenen Fähigkeiten an Grenzen stoßen. Ein professioneller Berater sieht dann mit innerem Abstand die Situation anders, klarer.
Selbsthilfeorganisationen oder Beratungsstellen bieten aber auch die Chance, aktiv zu werden, sich dem Problem entgegenzustellen und nicht auszuharren und zu warten, daß "sich etwas tut". Vor allem stehen betroffene Eltern nicht mehr allein da, sondern wissen, daß andere dabei helfen, die eigene Situation und die des betroffenen Jugendlichen zu verbessern.
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es eine Vielzahl von Einrichtungen und Organisationen, die Menschen mit einem Suchtproblem und deren Angehörigen Hilfe anbieten:
staatliche und kirchliche Einrichtungen, freie Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Die Angebote solcher Einrichtungen sind insgesamt so vielfältig, daß fast jeder ein Hilfsangebot nach seinen persönlichen Vorstellungen finden kann.
Sei es in Form von Einzel- oder Gruppengesprächen, sei es im Austausch und in der Auseinandersetzung mit anderen Betroffenen oder mit einem professionellen, geschulten Berater.
Rechtzeitig Hilfe suchen
Was ist, wenn nicht klar ist, ob ein Jugendlicher tatsächlich suchtgefährdet ist oder sogar schon Suchtmittel gebraucht? Eindeutige Erkennungszeichen, sozusagen "Symptome" gibt es dafür nicht. Die Frage bewegt aber viele Eltern. Hier ist es besonders wichtig, sich Eindrücke, Einschätzungen und Hilfe von außen zu holen. Der Kreislauf von Vermutungen, Befürchtungen und mutmaßlichen Anzeichen kann so durchbrochen werden, bevor es tatsächlich zu einer Suchtgefährdung oder einem Suchtmittelmißbrauch kommt.
Die Chance, "erfolgreich" gegen eine Suchtgefährdung oder Drogenabhängigkeit vorzugehen, ist um so größer, je früher und gezielter die Hilfe einsetzt.
Beratungsstellen
Fast jede Stadt verfügt über eine oder mehrere professionelle Beratungsstellen für Menschen mit Suchtproblemen. Teilweise sind solche Beratungsstellen auf Abhängigkeiten von bestimmten Suchtmitteln spezialisiert, z. B. auf Alkohol- oder Medikamentenabhängige, auf Spielsüchtige oder Menschen, die von harten Drogen wie Heroin oder Kokain abhängig sind. Auf jeden Fall arbeiten dort ausgebildete und erfahrene Beraterinnen und Berater:
Psychologen, Sozialarbeiter. Ärzte.
Sie helfen dem Ratsuchenden dabei, sich über seine Situation klar zu werden, und entwickeln gemeinsam mit ihm Schritte zur Lösung der anstehenden Probleme: Was ist überhaupt los? Ist mein Kind süchtig?
Wo liegen die Ursachen? Kann ich etwas dagegen tun? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Was kann ich tun, damit mein Kind selbst Beratung sucht? Eltern und anderen Angehörigen bieten Beratungsstellen die Möglichkeit, auch für sich selbst etwas zu tun: sich psychische Entlastung zu verschaffen.
Was erwartet Eltern in einer Suchtberatungsstelle ? In der Regel rufen Eltern erst einmal an. Sie sind verunsichert, weil sie im Umfeld ihres Kindes z. B. eine Spritze gesehen oder eine sonderbare Verhaltensänderung bei ihrem Kind festgestellt haben. Es ist verständlich, daß Eltern schon am Telefon Antworten auf all ihre Fragen haben wollen. Normalerweise ist es aber erforderlich, daß die Eltern persönlich einen Beratungstermin wahrnehmen, damit wir uns gemeinsam in Ruhe ein Bild von der Situation machen können.
Im ersten Beratungsgespräch reden wir erst einmal darüber, was die Eltern argwöhnisch gemacht hat, und versuchen, uns einen Eindruck zu verschaffen, ob hinter den elterlichen Schilderungen tatsächlich "etwas Ernsteres" stecken könnte oder ob es sich um ganz normale und harmlose Verhaltensänderungen handelt.
Der nächste - und oftmals schwierigste - Schritt ist, daß das Kind zum nächsten Gespräch entweder allein oder in Begleitung seiner Eltern kommt. Ein Jugendlicher, der Haschisch raucht und davon überzeugt ist, das sei alles harmlos, wird aber "keinen Bock" haben, mit uns zu sprechen. Eine Grundregel in der Arbeit mit Abhängigen ist, daß der Abhängige von sich aus bereit sein muß, mit einem Berater oder einem Therapeuten zu reden. Man kann niemanden zwingen, über ein Problem zu reden, was er gar nicht zu haben glaubt. Der Jugendliche muß, wenigstens ansatzweise motiviert sein zu kommen und seinerseits die Notwendigkeit fremder Hilfe sehen. Dazu können Eltern ihrerseits viel beitragen. Wie? - das sagen wir den Eltern.
Wenn sich der Jugendliche weigert, zu uns zu kommen oder schon nach dem ersten Gespräch wegbleibt, arbeiten wir eine Zeitlang mit den Eltern weiter. Wir geben ihnen Hilfestellung, wie sie durch Veränderung ihres Verhaltens zu Hause indirekt ihrem Kind helfen können, oder falls das nicht möglich ist. ihrerseits Entlastung zu finden: darüber zu sprechen, was sie beschäftigt, was sie belastet. vielleicht auch über Selbstvorwürfe.
Nur - Patentrezepte gibt es nicht. Psychische Veränderungen brauchen vor allem Zeit.
Auch wenn viele Eltern möglichst sofort eine absolut wirkende Problemlösung in die Hand bekommen wollen. Im übrigen ist das leider häufig ein Grund, warum manche Eltern nicht mehr weiter zu uns kommen. Aber das Problem, vor dem sie heute stehen, ist auch nicht von heute auf morgen entstanden.